Blog Scham

Kinder beschämen als Erziehungsmethode?

Videos von aufgebrachten Kindern im Internet finden sich zu Hauf. Zum Teil werden Kinder sogar absichtlich in emotionale Not gebracht, mit Apps, die Gesichter verzerren oder Geister simulieren, um die Gefühlsausbrüche aufzunehmen und dann öffentlich zu teilen.
Manchmal finden sich auch Aufnahmen die „unmögliches Verhalten“ von Kindern bewusst öffentlich zur Schau stellen, um das Kind bloß zu stellen und für sein Verhalten zu „beschämen“ und damit zu „bestrafen“.

Die Anhäufung solcher Videos war der Auslöser für eine gemeinsame Instagram Aktion, bei der sich viele Instagramer*innen zusammenschlossen und mit dem Hashtag #stopkidshaming gegen das Bloßstellen von Kindern eintraten (mehr über die gemeinsame Aktion findest du in diesem Artikel von Sara https://www.brombeermama.de/stopkidshaming/).

Kinder zu beschämen wird leider auch in Schulen häufig noch als Druckmittel genutzt, um sozial angepasstes Verhalten zu verstärken – siehe dazu unseren Blogbeitrag „Welche Auswirkungen haben “Verhaltensampeln” auf Kinder?“.

Kinder beschämen – Was passiert im Gehirn?


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Doch was passiert im Gehirn von Kindern, wenn sie öffentlich „beschämt“ werden? Gibt es langfristige Folgen für die Gehirnentwicklung? Welche Folgen hat es, Scham als „Waffe“ gegen „schlechtes Verhalten“ (oder für Klicks und Likes) einzusetzen?

Die Neurowissenschaft von Scham


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Scham löst meist eine Angstreaktion aus, die unser Stress-System im Gehirn aktiviert.

Sie drängt uns in die Defensive und steigert damit Wut oder Aggression.

Nick: „Oh das macht mich noch wütender! Wieso stellen die mich jetzt auch noch bloß, wo es mir doch gar nicht gut geht! Ich hau gleich noch mehr alles kurz und klein! Lasst mich doch alle in Ruhe!“

Oder sie bringt uns dazu, uns verstecken oder weglaufen zu wollen.

Nick: „Ich mach mich ganz klein, dann sieht mich hoffentlich niemand mehr. Ich möchte verschwinden und am liebsten gar nicht mehr hier sein auf dieser Welt.“

Angriff, Flucht oder Totstellen sind Reaktionen, in denen unser Hirnstamm („Reptilien-Hirn“) „Chef im Kopf“ wird. Das Reptilien-Hirn wird auch „Beschützer-Gehirn“ genannt. Es wird dann aktiviert, wenn es um das blanke Überleben geht. Die Fähigkeit logisch zu denken wird dann ausgeschaltet.

Nick: „Mich klein und unsichtbar machen zu wollen kostet mich viel Kraft. Ich kann mich gar nicht mehr darauf konzentrieren, was um mich herum passiert ist. Über mein Verhalten nachdenken kann ich dann erst recht nicht. Ich bin viel zu sehr mit mir selbst und meiner eigenen Not beschäftigt.“

Scham wird mit einem „Drang zum Selbstschutz“ in Verbindung gebracht – wenn wir also von Kindern erwarten, dass sie sich „schämen sollen“ und dann über ihr Verhalten nachdenken oder es ändern sollen, so ist dies in dem Moment gar nicht möglich.

Akuter, unkontrollierbarer Stress erhöht die Freisetzung von Stresshormonen, die dazu führen, dass die Vernetzung zum Präfrontalen Cortex reduziert wird. Das bedeutet, Kinder werden in ihren kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt (Arnsten, 2015).

Nick: „Ich kann gar nicht mehr klar denken!!“

Tatsächlich zeigen neurowissenschaftliche Studien, dass die Reaktion auf das Gefühl „Scham“ im Gehirn erst einmal so wirkt, dass das es in dem Moment gar keine präfrontale Aktivität gibt (Jung, 2014).

Der präfrontale Cortex, wir nennen ihn auch das Helden-Hirn, ist wichtig, um eigene Gefühle gesund lenken zu können und um aus eigenen Fehlern lernen und sich in seiner Persönlichkeit gesund weiterentwickelt zu können. Hier sitzen viele Fähigkeiten, die sich mit Resilienzfaktoren überschneiden und die ausschlaggebend sind für mentale Gesundheit von Kindern!

Kinder, die emotional im Stich gelassen oder bloßgestellt worden sind oder die nie eine sichere Bindung zu ihren Eltern aufbauen konnten (weil ihre Eltern ihnen kein sicherer Hafen sein konnten), erleben später im Leben oft ein tiefsitzendes Gefühl, nicht liebenswert und unwürdig zu sein.

Diese Art von Stress, wie der Wunsch, sich vor Scham verstecken zu wollen oder machtlos ausgeliefert zu sein, kann langfristige negative biologische Veränderungen bewirken.
Diese Art von Erniedrigung geht mit Depressionen, Angstzuständen und Essstörungen einher und erhöht das Risiko von Drogenmissbrauch und -abhängigkeit (Dickerson et al., 2004).

Kinder mit Beschämen eine „Lektion“ erteilen zu wollen ist also kontraproduktiv!
Denn sie verstärkt die Verbindung zum „Reptilien-Hirn“, also unserem Stresssystem und hemmt damit gesunde mentale Entwicklung von Kindern!

Hier 3 Tipps, was kannst du tun, um die “Helden-Hirn-Verbindung” (und damit Kooperation und einen gesunden Umgang mit Gefühlen und Gedanken) von Kindern zu stärken:

  • Auf wertschätzende Kommunikation achten
    Wenn du mehr über Kommunikation mit Kindern und die Macht der Worte auf unser Gehirn lernen möchtest, informiere dich hier zu unserer Fortbildung “Gehirnbasierte Kommunikation mit Kindern”.
  • Ein “emotional sicherer Hafen” für das Kind / die Kinder sein
    Das bedeutet, dass das Kind dich als sichere Anlaufstelle wahrnimmt, zu der es mit all seinen Gefühlen kommen kann.

Nick: „Bei dir fühle ich mich sicher und geliebt. Ich komme mit meinen Fragen und Nöten gerne zu dir, denn ich weiß, du hörst mir zu und bist für mich da!“

  • Bei starken Beschützer-Gefühlen, wie Wut, Angst, Ekel oder Traurigkeit, Gefühle-Übersetzer*in für das Kind sein.
    Das bedeutet dem Kind beim Gefühle erkennen und benennen helfen und in Folge Möglichkeiten aufzeigen, wie das Kind seine Gefühle gesund lenken kann.
    Wenn du Kinder im Umgang mit Gefühlen stärken möchtest, schau dir gerne unsere GEFÜHLEHELDEN an!

Literaturangabe

Arnsten, A. F. (2015). Stress weakens prefrontal networks: molecular insults to higher cognition. Nature neuroscience, 18(10), 1376-1385.

Jung, C. G. (2014). Shame and the Vestigial Midbrain Urge to Withdraw. Neurobiology and Treatment of Traumatic Dissociation: Towards an Embodied Self, 173

Dickerson, S. S., Gruenewald, T. L., & Kemeny, M. E. (2004). When the social self is threatened:
Shame, physiology, and health. Journal of personality, 72(6), 1191-1216.


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