Kinderängste gehirnbasiert begleiten

Oder: 9 Tipps, wie du Kinderängsten begegnen kannst und Kinder gleichzeitig in ihrer mentalen Gesundheit stärkst

Herzrasen, ein mulmiges Gefühl im Bauch und Tränen – Kinderängste sind sowohl für Kinder, als auch für ihre erwachsenen Begleitpersonen oft eine Herausforderung.
In diesem Beitrag schauen wir uns an, was bei Kinderängsten im Gehirn passiert, wie wir Kinder einfühlsam durch ihre Ängste zu begleiten können und warum genau das so wichtig ist.

Angst ist eine normale Reaktion auf bestimmte Lebensumstände und ein natürlicher Teil unseres Lebens. Bei unseren GEFÜHLEHELDEN nennen wir sie auch ein wichtiges „Beschützer-Gefühl“, denn sie möchte uns im Endeffekt vor Gefahren schützen.
Angst tritt auf, wenn wir uns bedroht, unsicher oder besorgt fühlen. Sie kann in verschiedenen Formen auftreten, von leichtem Unbehagen bis hin zu intensiven und überwältigenden Gefühlen.

Wenn wir Angst bekommen, merken wir dies meist an körperlichen Veränderungen, wie zum Beispiel Herzklopfen, Schweißausbrüchen, Zittern, schnellem Atem, Magen-Darm-Problemen oder Muskelverspannungen.


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Mit Hilfe unserer Gedanken und unseres Körpers, können wir die Angst verstärken – oder eben auch lenken und beruhigen.

Doch um die Angst erst einmal lenken und beruhigen zu können, müssen Kinder die Angst zunächst erkennen und benennen lernen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, damit es ihnen überhaupt gelingen kann, sie zu lenken – das gilt übrigens für alle Gefühle, nicht nur die Angst.

Wenn dies nicht passiert, sondern Kinder lernen, ihre Gefühle zu unterdrücken – zum Beispiel, weil sie Gefühle wie Ängste oder Wut nicht zeigen dürfen – dann steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie im späteren Leben an einer psychischen Erkrankung erkranken (siehe z.B. De Berardis et al., 2020; Zhao et al., 2021 und unseren Blogbeitrag „Warum alle Gefühle wichtig sind“).


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Doch wie lernen Kinder, ihre Gefühle zu lenken? Um das besser zu verstehen schauen wir uns einmal an, was bei Ängsten eigentlich im Gehirn von Kindern passiert:

Was passiert bei Kinderängsten im Gehirn?

Wenn es um Gefühle und Gedanken geht, sind drei stark vernetzte Bereiche in unserem Gehirn gut erforscht.
Die Amygdala wird oft als das “Angstzentrum” des Gehirns bezeichnet. Sie heißt auf Deutsch auch „Mandelkern“ und liegt in der Mitte unseres Gehirns, dem sogenannten „Mittelhirn“. Sie kann bei Angstauslösern wie dunklen Räumen, Trennung von den Eltern oder unbekannten Situationen schnell „aktiv“ werden. Größere Ängste werden mit einer größeren Amygdala bei Kindern in Verbindung gebracht (siehe z. B. Juranek et al., 2006).

Wenn Kinder nun mit ihren Ängsten alleine gelassen werden (Engl.: „Childhood emotional neglect“), wächst die Verbindung zu ihrem Stress-System im Gehirn, wir sprechen hier auch vom „Reptilien-Hirn“, und wir können negative Auswirkungen wie ein niedrigeres Immunsystem, Emotionsregulationsschwierigkeiten, ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen und viele weitere negative Auswirkungen beobachten (siehe Salzmann et al., 2022)

Wenn Kinder hingegen mit ihren Ängsten wahrgenommen werden, und sie empathisch dabei begleitet werden, baut ihr Gehirn Verbindungen zum präfrontalen Cortex auf – wie sprechen hier auch vom „Helden-Hirn“. Dieser Teil des Gehirns ist unter anderem für das Lenken von Gefühlen zuständig aber auch dafür notwendig, um über eigenes Verhalten nachzudenken und um aus Fehlern zu lernen.
Unser „Helden-Hirn“ reift jedoch relativ langsam bei uns Menschen – darum brauchen Kinder Unterstützung beim Lenken und verarbeiten ihrer Ängste und anderer Gefühle.

Wenn wir Kinder also bei einer gesunden Gehirn-Entwicklung unterstützen wollen, dann ist die einfühlsame Begleitung durch Bezugspersonen unentbehrlich!

9 Tipps, für einfühlsame und gehirnbasierte Begleitung von Kinderängsten

1. Gefühle benennen

Das Benennen von Ängsten hilft Kindern, einen Namen für das Gefühl zu bekommen. Hier ein Beispiel:

„Tim, ich habe den Eindruck, dass du Angst hast, auf’s Klo zu gehen, kann das sein?“
„Ja, im Klo wohnt ein Monster!“

2. Körperlichen Zustand bewusst machen

Das hilft den Kindern, ihren Körper wahrzunehmen und ihn in Zusammenhang mit dem Gefühl zu bringen.

„Ich merke, dass dein Körper ganz angespannt ist und du sogar ein bisschen zitterst, oder?“
„Ja, ich hab‘ echt Angst!“

3. Zuhören

Lass Kinder ihre Ängste ausdrücken, ohne sie zu bewerten, sie zu unterbrechen oder zu bagatellisieren. Zeige Verständnis für ihre Gefühle.

„Du hast also Angst aufs Klo zu gehen, weil da ein Monster sein könnte?“
„Ja, ich glaube, das wohnt im Klo drinnen. Und was ist, wenn ich spüle und dann werde ich mit runtergespült?“

4. Erklären und beruhigen

Je nach Alter des Kindes kann es hilfreich sein, die Situation zu erklären und beruhigende Informationen bereitzustellen. Erklärungen und Verständnis können dabei helfen, Ängste zu überwinden.

„Lass uns mal gemeinsam zum Klo gehen. Ich bin neugierig, ob du oder ich wirklich da reinpassen könnten.“ „Oh, das Rohr ist ziemlich eng, meinst du, du passt da durch?“
„Hmmm… ja vielleicht nicht… aber das Monster, das kann da rauskommen!“
„Weißt du eigentlich, wo das Kacka und Pipi, das ins Klo geht, hinkommen?“
„Nein, wohin denn?“
„Wir haben da ein tolles Kinderbuch dazu, da wird das ganz genau erklärt. Komm, lass uns das gemeinsam suchen und dann werden wir Klo-Detektive!“
„Ja!“

5. Über die Angst sprechen

Indem du gemeinsam mit dem Kind über seine Ängste sprichst, kann dem Kind helfen, seine Ängste besser zu verstehen.

„Du hast also Angst, in die Schule zu gehen.“
„Ja.“
„Was genau macht dir Angst?“
„Ich habe gehört, dass die Lehrkräfte dort so streng sind und außerdem sind dort so viele Kinder die ich noch gar nicht kenne! Was ist, wenn ich etwas vergesse und ich dann Ärger bekomme?“
„Oh das kann ich gut verstehen. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Schultag erinnern. Ich war so aufgeregt, ich habe angefangen zu weinen, kannst du dir das vorstellen?“
„Ja total! Ich habe auch Angst, dass ich weinen muss! Was mach ich denn dann?“

6. Gesunde Selbstregulations-Strategien lehren (und vorleben)

In Folge kann gemeinsam mit dem Kind ein Plan zur Bewältigung der Angst entwickelt werden. Wichtig ist auch, dass das Kind verschiedene gesunde Selbstregulations-Strategien kennengelernt hat oder jetzt kennen lernt und in ruhigen Momenten üben kann – so gelingt es dem Kind, diese Strategien auch in angespannten, aufregenden Momenten anzuwenden.

„Du kannst dein Angst-Gfühli® im Kopf beruhigen, indem du ruhig ein und ausatmest. Kennst du schon die Luftballonatmung?“
„Nein, wie geht die?“

Mehr Infos dazu findest du bei unseren GEFÜHLEHELDEN Materialien.

7. Dem Kind aufzeigen: „Ja, gerade hast du Angst UND du kannst auch mutig sein!“

Niemand ist „ständig ängstlich“. Es gibt kleine Momente, bei denen die Kinder mutig sind. Findet sie gemeinsam und merkt sie euch! Zeige dem Kind, dass du ihm auch schwere Dinge zutraust und dass du an es glaubst! Achte darauf, dass du Kinder nicht in eine Schublade steckst, wie z.B. „Ja, er ist halt schüchtern.“ oder „Du bist aber ein Angsthase!“
Mehr dazu auch in unserem Blogbeitrag „Schüchterne Kinder“ stärken.

8. Im Tempo des Kindes gehen

Die Angst wird weniger, wenn die Sicherheit mehr wird. Bei Übergängen, wie zum Beispiel den Start in die Krippe oder Kindergarten, sollten Kinder zunächst die Möglichkeit haben, Vertrauen und Sicherheit in der neuen Umgebung aufzubauen! Erinnere dich – so hilfst du ihnen, die wichtige Verbindung zu ihrem „Helden Hirn“, dem präfrontalen Cortex aufzubauen!
Kinder können aus den verschiedensten Gründen heraus Ängste haben – sie profitieren dabei immer von einer liebevollen, Sicherheit gebenden erwachsenen Bezugsperson! Zwang oder Druck ist meist Kontraproduktiv, unterstützt die Verbindung zu unserem Stress-System im Gehirn und nimmt den Kindern außerdem das wertvolle Erlebnis „Das habe ich alleine geschafft!“ Selbstwirksamkeit zu erleben ist jedoch ein wichtiger Schutz für mentale Gesundheit – auch, wenn es manchmal ein wenig dauert (siehe unser Blogbeitrag „Was ist Resilienz“)!

9. Professionelle Hilfe annehmen

Wenn die Ängste eines Kindes schwerwiegender sind oder länger anhalten, ist es ein mutiger und wichtiger Schritt, professionelle Hilfe aufzusuchen und anzunehmen. Vergiss nicht: Du selbst bist ein ganz wichtiges Vorbild für Kinder – und dieser Tipp gilt für Erwachsene und Kinder gleichermaßen!

Die Begleitung von Kindern und ihren Gefühlen erfordert Geduld und Einfühlungsvermögen. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben, die wir als Kinderbegleiter*innen haben. Indem wir die Abläufe im Gehirn verstehen und indem wir auf unsere eigene Kommunikation mit den Kindern achten, können wir Kindern effektiv dabei helfen, ihre Ängste zu überwinden und zu starken, selbstbewussten Persönlichkeiten heranzureifen – mit einer dicken Neuronen-Verbindung zum Helden-Hirn.

Literaturangaben:

  • De Berardis, D., Fornaro, M., Orsolini, L., Ventriglio, A., Vellante, F., & Di Giannantonio, M. (2020). Emotional dysregulation in adolescents: implications for the development of severe psychiatric disorders, substance abuse, and suicidal ideation and behaviors. Brain Sciences, 10(9), 591.
  • Juranek, J., Filipek, P. A., Berenji, G. R., Modahl, C., Osann, K., & Spence, M. A. (2006). Association between amygdala volume and anxiety level: magnetic resonance imaging (MRI) study in autistic children. Journal of child neurology, 21(12), 1051-1058.
  • Salzmann, S., Salzmann-Djufri, M., & Euteneuer, F. (2022). Childhood emotional neglect and cardiovascular disease: a narrative review. Frontiers in Cardiovascular Medicine, 9, 815508.
  • Zhao, T., Fu, Z., Lian, X., Ye, L., & Huang, W. (2021). Exploring emotion regulation and perceived control as antecedents of anxiety and its consequences during Covid-19 full remote learning. Frontiers in Psychology, 12, 675910.

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